Was bedeutet es, Berlins beliebtesten Beruf zu haben
Das haben uns die Grafikdesignerinnen Manja Hellpap und Ann Katrin Siedenburg erzählt
Grafikdesign ist heutzutage für viele junge Menschen ein Traumberuf. Unsere Mieterinnen Manja Hellpap und Ann Katrin Siedenburg kennen den Beruf, seit es in Berlin nur wenige Agenturen gab, von selbständigen Grafikdesigner*innen ganz zu schweigen. Die wachsende Metropole, die Pandemie und der rasche technologische Fortschritt waren Herausforderungen, die die Grafikdesignerinnen meistern mussten. Heute können sie sich zu Recht beliebte Expertinnen in der boomenden Branche nennen.
Im Gespräch mit Manja Hellpap und Ann Katrin Siedenburg war Džordana Graicevičiūtė
Wenn Ihr heute pitchen solltet, wie würde das klingen?
Manja: Mein Unternehmen heißt typografie.berlin und das von Ann Katrin Bureau Versal. Wir möchten die Welt lesbarer machen und als Botschafterinnen, Übersetzerinnen und bestenfalls Brückenbauerinnen dabei helfen, komplexe Inhalte zugänglich zu machen.
Ihr habt beide Literatur studiert. Ist das Zufall oder hat es einen direkten Bezug zu Eurem Beruf?
Ann Katrin: Das ist Zufall, aber ich wollte schon immer etwas mit Texten und ihrer Visualisierung machen. Ursprünglich wollte ich Bühnenbild studieren. Dabei muss man ebenfalls Texte visualisieren, allerdings im Raum. Später bin ich dann auf Kommunikationsdesign gestoßen und habe bemerkt, dass es genau das ist, was ich machen möchte.
Manja: Man muss schon Lust auf Literatur und Sprachen haben, um Typografin zu sein. Genau das zeichnet uns beide aus: Wir arbeiten ziemlich viel und eng mit Sprache, durchaus auch redaktionell, und sind für Lektor*innen gute Ansprechpartnerinnen.
Ist die zunehmende Digitalisierung für Euren Beruf eher eine Chance oder eine Gefahr?
Manja: Das ist ein großes Problem, über das wir uns oft Gedanken machen müssen. In unserem Fall ist die große Übermacht noch nicht so sehr KI, sondern vereinfachte Grafikprogramme, die durch gute Vorlagen für viele Anwender*innen ausreichen. Sie nehmen uns natürlich eine Menge Arbeit weg. Aber wir versuchen, das auch als Chance zu begreifen, und bilden uns weiter. Wir recherchieren, welche neuen Tools es gibt, um sie einzusetzen und unseren Kund*innen effektive und kostengünstigere Lösungen anbieten zu können. Wir können die Entwicklung nicht aufhalten, sondern nur beobachten und uns anpassen.
Ann Katrin: Ich bin gespannt, wie es sich weiterentwickelt, und vermute ein Comeback der Printformate in anderer Form. In der Zukunft werden sie vielleicht mehr für hohe Qualität und besondere Haptik stehen. Auch in puncto Nachhaltigkeit ist Print zumindest teilweise zu unrecht in Verruf geraten, denn digitale Formate hinterlassen laut einer aktuellen Studie oft sogar einen größeren CO2-Abdruck als Print in umweltfreundlicher Produktion. Daher denke ich, dass Print noch längst nicht tot ist.
Würdet Ihr Euch als erfolgreiche Unternehmerinnen beschreiben?
Manja: Wenn man soloselbständig arbeitet, ist das nur begrenzt skalierbar. Wir verkaufen unsere Arbeitsstunden, die zunehmend schlechter bezahlt werden. Deswegen tun wir uns gerne in Netzwerken zusammen, beispielsweise miteinander oder mit anderen Personen, die über andere Expertise verfügen, um auch größere Aufträge annehmen zu können. Wenn man immer nur komplett alleine arbeitet, wird es eher schwierig.
Ist das der Grund für Eure Zusammenarbeit und dafür, dass Ihr ein Büro teilt?
Manja: Uns ist der Austausch wichtig. Es ist sehr hilfreich, wenn man schnell eine andere Meinung oder Expertise einholen kann, die einem selbst fehlt. Oder wenn man etwas zum ersten Mal macht, was die andere schon einmal gemacht hat.
Ann Katrin: Es ist ein gewisser Luxus, sich das Büro zu leisten. Seit der Pandemie könnten wir ganz entspannt von zu Hause aus arbeiten, denn ein repräsentatives Büro ist keine Notwendigkeit mehr. Aber trotz der zusätzlichen Kosten haben wir uns für ein gemeinsames Büro entschieden.
Wie war der Anfang Eurer Selbständigkeit?
Manja: In den ersten Jahren meiner Selbständigkeit war ich parallel an Hochschulen angestellt. Einerseits war es eine luxuriöse Situation, dass ich eine halbe feste Stelle hatte. Praktisch war das weniger luxuriös, weil ich beide Jobs mit 100 Prozent erledigte und im Endeffekt zwei volle Jobs bewältigen musste. Ich hatte keine Zeit, mir Sorgen zu machen, und genau das war mein Motor. Es war aber auch sehr fordernd, insbesondere, wenn man zwei Jobs noch mit der Familie vereinbaren muss.
Wir hatten Glück, dass wir uns zu einer Zeit in Berlin selbständig gemacht haben, als die Mieten und Lebenshaltungskosten noch gering waren. Der Druck wächst erst jetzt, aber ich bin nach wie vor sehr gern selbständig.
Muss man eine bestimmte Persönlichkeit haben?
Ann Katrin: Am Anfang habe ich nicht so viel darüber nachgedacht. Das hat sich einfach so ergeben. Ich habe 2006 mein Diplom gemacht und damals gab es einfach nicht viele Jobs als Grafikdesigner*in. Und ich wollte nicht ewig ein unbezahltes Praktikum machen, was damals sehr verbreitet war. Manche haben das getan und sind dann so in die Agenturen reingerutscht. Das wollte ich nicht. Dann hat mich mein ehemaliger Dozent gefragt, ob ich ihm zuarbeiten möchte. Das war der Anfang. Später habe ich meine erste Bürogemeinschaft in Weißensee gegründet.
In einer schwierigen Zeit habe ich eine halbe Stelle angenommen, aber schnell bemerkt, dass diese Kombination damals für mich nicht passte.
Was würdet Ihr Gründerinnen aus Eurer Erfahrung heraus heute raten?
Ann Katrin: Unser Studium zielte darauf ab, dass wir selbständig werden, aber wirtschaftliches Denken wurde uns nicht beigebracht. Wie man unternehmerisch denkt, musste ich selbst lernen. Ich habe viele Workshops und Seminare besucht, um mir das fehlende Wissen über Steuern, Rechnungen, Verträge usw. anzueignen.
Manja: Wenn man heute gründet, muss man sich ganz genau überlegen, wie man sich positioniert. Im besten Fall besetzt man eine Nische, die noch nicht präsent ist.
Ann Katrin: Am Anfang sollte man sich informieren, welche Förderungen, Zuschüsse und Absicherungen möglich sind. Wir wussten davon nichts, hatten aber Glück, dass es damals nicht entscheidend war. Heute ist es wichtiger.
Manja: Eine weitere wichtige Sache ist, sich ins Licht zu trauen. Ich persönlich habe mit Sichtbarkeit eher Schwierigkeiten. Das ist eine Prägung, von der vielleicht besonders Frauen betroffen sind. Es macht sicher Sinn, von Anfang an seine Leistungen auch zu zeigen.
Was bedeutet es, in Eurer Branche eine Frau zu sein? Spielt das eine Rolle?
Manja: Auf jeden Fall hat das Geschlecht eine Rolle gespielt. Ich kann mich noch an eine Situation erinnern: Ich habe als Freiberuflerin in einer Agentur gearbeitet, die von Frauen geführt wurde. Zu bestimmten Verkaufsgesprächen wurde gern der einzige männliche Mitarbeiter mitgenommen, damit wir nicht als reine Frauenfirma wahrgenommen wurden. Das hat zu jener Zeit in Berlin tatsächlich eine große Rolle gespielt. Ich habe schon öfter den Eindruck gehabt, als (kleine) Frau nicht ernst genommen zu werden. Und musste auch mal aufpassen, dass meine Freundlichkeit nicht mit etwas anderem verwechselt wird. Auch eine gewisse Durchsetzungsfähigkeit wird von Frauen oft mehr verlangt als von männlichen Kollegen.
Ann Katrin: Ich hatte immer das Gefühl, dass das Netzwerken in meiner Branche mit anderen Frauen besser funktioniert hat als mit Männern. Mit Frauen war es einfacher und selbstverständlicher, während Männer nach meiner Erfahrung weniger zugänglich waren. Das fand ich schade.
Manja: Aber ich spüre eine positive Veränderung, die teils gesellschaftlich, teils persönlich bedingt ist. Ich merke, dass ich ernster genommen werde, weil ich älter bin. Das hängt vielleicht auch mit mir selbst zusammen, weil ich mehr Erfahrung habe und nicht mehr in so viele Fallen tappe wie früher.
Und nun die letzte Frage: Wie habt Ihr die WeiberWirtschaft gefunden und wie gefällt es Euch bei uns?
Manja: Ich habe mir hier schon vor 17 Jahren ein sehr schönes Büro angesehen, das damals leider zu groß für uns war. Seitdem standen wir lange Zeit auf der Warteliste. In der Zwischenzeit habe ich andere Mieterinnen kennengelernt, zum Beispiel Konscha Schostak, die Erinnerungssteine herstellt und meine Expertise als Typografin in Anspruch genommen hat. Seitdem habe ich verfolgt, was die WeiberWirtschaft tut, und habe regelmäßig daran erinnert, dass wir auch Teil der Gemeinschaft werden möchten, bis das Angebot schönerweise kam.
Ann Katrin: Ich kannte die WeiberWirtschaft bereits von früher, aber mir war nicht klar, wie groß sie ist und welches Konzept dahintersteckt, bis wir eingezogen sind. Unsere Büromitmieterin Lotte von „Goldstoff Filme“ hieß uns sehr freundlich willkommen und fragte, ob wir eine Art Büro-WG gründen oder als klassisches Büro bleiben wollen. Unsere Antwort war ganz deutlich: Natürlich Gemeinschaft! Das ist einer der Gründe, warum Frauen gerne hierher ziehen!
